Stockkultur und alte Reben: Warum man Geduld schmecken kann

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Junge Reben in Stockkultur an Holzpfählen, dazwischen blühende Begrünung

Stockkultur ist die älteste Art, Reben zu erziehen: Jeder Rebstock steht für sich an einem Holzpfahl, ohne Drahtrahmen, und wird von Hand gepflegt. In Rust arbeiten wir mit Furmint und Pinot Noir teilweise wieder so, dazu pflanzen wir sehr dicht, mit bis zu 8.000 Stöcken pro Hektar. Die Reben müssen tief wurzeln, tragen weniger Trauben und werden schon bei geringerem Zuckergehalt reif. Das Ergebnis sind Weine mit Frische, Ruhe und Tiefe. Geduld schmeckt man nicht als einzelnes Aroma, aber als Struktur.

Was ist Stockkultur?

Bei der Stockkultur bekommt jede Rebe ihre eigene Holzstütze. Die Triebe werden mit Hanfbändern daran aufgebunden, die sich mit der Zeit von selbst abbauen. Es gibt keine durchgehenden Drähte und kein Metall im Weingarten. Der Stock selbst bleibt sehr niedrig, ähnlich wie ein Rosenstock, und die Triebe wachsen frei nach oben.

Über Jahrhunderte war das die übliche Form des Weinbaus, auch rund um den Neusiedler See. Heute ist sie selten geworden, weil sich ein Weingarten in Stockkultur kaum mit Maschinen bearbeiten lässt. Fast alles passiert von Hand: der Rebschnitt, das Aufbinden, die Laubarbeit und die Lese.

Warum ist die Stockkultur fast verschwunden?

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der Weinbau vor allem billiger werden. Viele Betriebe hatten Acker- und Weinbau zugleich und bearbeiteten beides mit denselben Traktoren. Die Rebzeilen wurden deshalb weit auseinandergesetzt, die Reben hoch am Draht gezogen. Die sogenannte Hochkultur nach Lenz Moser sparte Arbeit und Kosten und setzte sich in ganz Österreich durch. Lenz Moser war übrigens ein guter Freund von Michaels Großvater: Die beiden waren in den 1920er Jahren gemeinsam als Hospitanten in Klosterneuburg.

Der Trend geht bis heute in Richtung Mechanisierung. Wir gehen mit der Stockkultur bewusst den umgekehrten Weg.

Warum pflanzen wir so dicht?

Bis zu 8.000 Stöcke pro Hektar sind in Österreich ungewöhnlich. Stehen die Reben eng beieinander, entsteht eine gesunde Konkurrenz um Wasser und Nährstoffe. Jeder Stock trägt weniger Trauben, und die Wurzeln müssen tiefer in den Boden, um zu finden, was sie brauchen. Dort unten, im Quarz, im Schiefer und im Kalk, holen sie sich das, was wir später als Mineralik im Glas wahrnehmen.

Gesetzt wird jeder Stock von Hand. Die Wurzeln der jungen Rebe werden dabei sternförmig in das Pflanzloch gelegt, damit sie sich von Anfang an in alle Richtungen ausbreiten und tief im Boden verankern können.

Was verändert die Stockkultur an den Trauben?

Der niedrige Stock ist eine kompakte, sehr lebendige Einheit. Die Wege für Wasser und Nährstoffe sind kurz, und die Rebe profitiert von der Wärme, die der Boden abstrahlt. Der wichtigste Unterschied zeigt sich bei der Reife: In der Stockkultur werden die Trauben schon bei niedrigerem Zuckergehalt physiologisch reif. Kerne, Schalen und Aromen sind so weit, bevor der Zucker zu hoch steigt.

Für den Wein heißt das: moderater Alkohol und eine frische, aber harmonische Säure. Gerade für Furmint, der von Natur aus viel Säure mitbringt, ist das ein großer Gewinn, und in heißen Jahren wird es immer wichtiger.

Warum sind alte Reben so wertvoll?

Eine junge Rebe wurzelt flach und reagiert stark auf jedes Wetter. Mit den Jahren wächst ihr Wurzelwerk tief und weit verzweigt in den Boden. Alte Reben kommen dadurch besser durch trockene Sommer, liefern kleinere und gleichmäßigere Erträge und zeigen ihren Standort genauer. Sie haben sich an ihren Ort gewöhnt.

Unsere Furmint-Geschichte beginnt 1984, als Michaels Großvater und Vater die ersten Edelreiser aus Tokaj nach Rust brachten. Im Weingarten Eden steht eine Urversion der Sorte, deren genetisches Material rund 150 Jahre alt ist. Alte Reben sind für uns deshalb nicht nur eine Frage des Alters, sondern auch eine Frage der Herkunft: Sie tragen ein Stück Geschichte in sich, das man nicht nachpflanzen kann.

Kann man Geduld wirklich schmecken?

Nicht als einzelnes Aroma, aber als Struktur. Weine aus tief wurzelnden, alten Reben wirken meist ruhiger, dichter und länger. Sie sind nicht laut, sie haben Spannung. Wer einen solchen Wein ein paar Jahre liegen lässt, merkt, wie viel in ihm steckt.

Oder, wie Sonja es sagt: Du bekommst einfach mehr von dem in die Flasche, was du im Weingarten machst.

Was bedeutet das für die Arbeit im Weingarten?

Mehr Stunden pro Rebe, mehr Wege durch den Weingarten, mehr Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Stock. Seit 2008 verzichten wir auf synthetische Pflanzenschutzmittel, und wir haben Jahr für Jahr beobachtet, wie sich die Reben darauf einstellen. In der Stockkultur ist dieser Unterschied besonders deutlich. Wer im Hochsommer zwischen die Stöcke geht, spürt sofort, dass diese Weingärten vitaler sind und mehr Leben in ihnen ist.

Für Michael ist die Stockkultur auch ein Forschungsprojekt: Er will wissen, wie die Natur reagiert, wenn kein Traktor und kein Metall mehr im Weingarten ist. Die Antworten kommen langsam, Jahr für Jahr. Auch das ist Geduld.

Häufige Fragen zur Stockkultur

Was ist Stockkultur?
Eine traditionelle Form der Rebenerziehung: Jede Rebe steht einzeln an einem Holzpfahl, ohne Drahtrahmen, und wird von Hand bearbeitet.

Warum ist der Ertrag in der Stockkultur geringer?
Die Reben stehen dicht und tragen jeweils weniger Trauben. Dafür sind die Trauben konzentrierter und werden bei moderatem Zuckergehalt reif.

Wie dicht pflanzt ihr?
Bis zu 8.000 Stöcke pro Hektar. Das ist für Österreich ungewöhnlich dicht.

Warum kommen alte Reben besser mit Trockenheit zurecht?
Ihre Wurzeln reichen tief in den Boden und finden auch in trockenen Sommern noch Wasser.

Welche Rebsorten stehen bei euch in Stockkultur?
Vor allem Furmint und Pinot Noir. Daneben arbeiten wir auch mit Drahtrahmen, denn wir wollen die Unterschiede genau kennenlernen.

Mehr über die Sorte lesen Sie in unserem Beitrag Furmint: Die Rebsorte, die nach Rust zurückkam.