Ein gesunder Boden ist lebendig, locker und fruchtbar. In ihm arbeiten Milliarden Mikroorganismen, Pilze und Regenwürmer, die Nährstoffe verfügbar machen, Humus aufbauen und dafür sorgen, dass Regen versickert und gespeichert wird. Für den Weinbau ist das entscheidend: Der Boden bestimmt, wie tief die Reben wurzeln und wie sie mit Wasser versorgt sind – und prägt damit den Charakter des Weins. Kalk, Quarz, Gneis und Schiefer sind die Grundlage unserer Weine. Deshalb behandeln wir unsere Böden so, dass sie gesund bleiben.
Was ist ein gesunder Boden?
Boden ist mehr als Erde, in der etwas wächst. Er ist ein Lebensraum, ein Wasserspeicher, ein Filter und ein Nährstofflager zugleich. Gesund ist ein Boden dann, wenn all das funktioniert: wenn er genug Poren für Luft und Wasser hat, wenn er nicht mit Schadstoffen belastet ist und wenn ein vielfältiges Bodenleben ihn ständig umbaut.
Selbstverständlich ist das nicht. Nach Einschätzung der EU-Kommission sind 60 bis 70 Prozent! der Böden in der EU in keinem guten Zustand: Sie verlieren Humus, Artenvielfalt und Fruchtbarkeit. Seit Ende 2025 gibt es deshalb erstmals eine EU-Richtlinie eigens für Böden: Sie verpflichtet alle Mitgliedstaaten, den Zustand ihrer Böden zu überwachen.
Und Boden wächst kaum nach. Bis sich ein einziger Zentimeter neu bildet, vergehen je nach Standort oft Jahrhunderte. Was durch Erosion verloren geht, kommt in menschlichen Zeiträumen nicht zurück. Und wird der Boden von schweren Maschinen tief verdichtet, bleibt der Schaden oft über Jahrzehnte.
Wer lebt im Boden?
In einer Handvoll gesunder Erde leben mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Nach aktuellen Schätzungen ist wahrscheinlich mehr als die Hälfte aller Arten auf unserem Planeten im Boden zu Hause. Unter einem einzigen Quadratmeter arbeiten Millionen Fadenwürmer und Billionen Bakterien, durchzogen von kilometerlangen Pilzfäden, dazu Asseln, Springschwänze, Milben und Regenwürmer.
Die Regenwürmer sind die Baumeister. Sie ziehen Pflanzenreste in die Tiefe, graben Gänge, durch die Wasser und Wurzeln nach unten finden, und hinterlassen nährstoffreiche Krümel. Ein Boden mit vielen Würmern kann Wasser um ein Vielfaches schneller aufnehmen als ein Boden ohne sie.
Auch unsere Reben sind auf dieses Leben angewiesen. An ihren Wurzeln leben Mykorrhizapilze, die mit feinsten Fäden in Bodenporen vordringen, die für die Wurzel selbst zu klein sind. Sie liefern der Rebe Wasser und Nährstoffe und bekommen dafür Zucker und Fette aus der Photosynthese. Versuche zeigen, dass Reben mit gut ausgebildeter Mykorrhiza Trockenstress besser verkraften. Am Neusiedler See ist das keine Nebensache.
Warum ist Humus so wichtig?
Humus entsteht, wenn Bodenlebewesen Pflanzenreste, Wurzeln und ihre eigenen abgestorbenen Körper umbauen. Er gibt dem Boden seine dunkle Farbe und seine krümelige Struktur. In diesen Krümeln sitzen die Poren, durch die Luft und Wasser fließen und in denen Wurzeln wachsen.
Humus speichert Nährstoffe und gibt sie langsam wieder ab. Er schützt den Boden davor, bei Starkregen zu verschlämmen oder weggeschwemmt zu werden. Und er hält Wasser, wenn auch weniger, als oft behauptet wird. Viel wichtiger ist, dass ein humusreicher, gut strukturierter Boden Regen überhaupt erst aufnimmt, statt ihn oberflächlich abfließen zu lassen.
Humus bleibt aber nur, solange man den Boden lässt. Jede intensive Bodenbearbeitung bringt Sauerstoff in den Boden, bricht die Krümel auf und beschleunigt den Abbau. Humus aufzubauen dauert Jahre, durch häufige intensive Bearbeitung geht er deutlich schneller wieder verloren.
Was schadet dem Boden?
Schwere Maschinen
Landmaschinen sind in den letzten Jahrzehnten immer schwerer geworden. Die Radlast großer Erntemaschinen ist seit den 1960er-Jahren um ein Vielfaches gestiegen, und damit reicht auch der Druck tiefer in den Boden. Besonders auf feuchtem Boden pressen schwere Reifen die Poren zusammen. Die Folgen: Wasser versickert schlechter, Wurzeln kommen kaum noch durch, dem Bodenleben fehlt Sauerstoff.
Verdichtung nahe der Oberfläche kann sich über Jahre erholen. Verdichtung in tieferen Schichten dagegen bleibt oft über Jahrzehnte, manchmal dauerhaft. Schätzungen zufolge ist rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Unterböden in Europa verdichtet.
Offener Boden und Erosion
Weingärten gehören zu den Kulturen mit den höchsten Bodenverlusten in Europa. Wo der Boden zwischen den Rebzeilen offen liegt, spült Starkregen wertvolle Erde weg. Unter einer Begrünung geht je nach Art der Begrünung rund 70 bis 90 Prozent weniger Boden verloren als auf bearbeiteten oder mit Herbizid offen gehaltenen Flächen.
Chemie
In mehr als 80 Prozent der untersuchten landwirtschaftlichen Böden Europas fanden sich Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, meist mehrere gleichzeitig. Studien zeigen, dass Herbizide unter den Rebstöcken die Mykorrhiza an den Rebwurzeln verringern. Manche Wirkstoffe, etwa das seit Jahrzehnten verbotene DDT, sind bis heute im Boden nachweisbar.
Ehrlich gesagt ist auch der biologische Weinbau hier nicht frei von Problemen. Gegen den Falschen Mehltau ist Kupfer das wichtigste Mittel, das Bio erlaubt. Kupfer wird nicht abgebaut und reichert sich im Boden an. Weinbauböden in Europa weisen deshalb die höchsten Kupfergehalte aller Nutzungen auf, zu einem guten Teil ein Erbe früherer Jahrzehnte, in denen ein Vielfaches der heutigen Mengen ausgebracht wurde. Wir setzen Kupfer deshalb so sparsam wie möglich ein.
Wie riecht ein gesunder Boden?
Wer eine Schaufel Erde aus einem gesunden Weingarten nimmt, riecht es sofort: dunkel, frisch, ein bisschen nach Waldboden. Dieser Duft stammt vor allem von Geosmin. Ihn bilden Bodenbakterien, wenn sie Sporen bilden, und er lockt winzige Springschwänze an, die die Sporen weitertragen. Unsere Nase ist darauf erstaunlich fein eingestellt: Im Wasser riechen wir Geosmin schon in Spuren von wenigen Milliardstel Gramm pro Liter. Nach einem Sommerregen, wenn Tropfen die Duftstoffe aus dem Boden in die Luft schleudern, liegt er über dem ganzen Weingarten.
Ein verdichteter, nasser Boden riecht dagegen faulig oder säuerlich. Dort fehlt der Sauerstoff, und Mikroben weichen auf Stoffwechselwege aus, bei denen etwa Schwefelwasserstoff oder Buttersäure entstehen. Deshalb gehört das Riechen zur Spatenprobe, mit der man den Zustand eines Bodens prüft.
Übrigens: Im Weingarten zeigt Geosmin aktives Bodenleben an, im Wein dagegen ist er ein Fehlton. Dort entsteht er vor allem, wenn sich auf von Botrytis befallenen Trauben ein weiterer Schimmelpilz ansiedelt. Ein Grund mehr, warum wir von Hand lesen und nur gesunde Trauben in den Keller bringen.
Schmeckt man den Boden im Wein?
Nicht so, wie es oft erzählt wird. Man schmeckt keinen Kalk und keinen Schiefer im Glas. Die Mineralstoffe, die die Rebe aus dem Boden holt, machen meist nur anderthalb bis zwei Gramm pro Liter Wein aus, großteils Kalium, und nach Stein schmecken sie nicht. Geliefert werden sie zum großen Teil vom Humus und von feinen Tonteilchen, kaum direkt vom Gestein.
Und doch prägt der Boden den Wein. In einer Studie aus Bordeaux wirkten Jahrgang und Boden auf Rebe und Trauben sogar stärker als der Unterschied zwischen den Rebsorten. Der Boden entscheidet, wie viel Wasser die Rebe wann bekommt, wie warm ihr Wurzelraum ist, wie viele Nährstoffe ihr zur Verfügung stehen und wie tief ihre Wurzeln reichen. Eine Rebe, die maßvoll knapp mit Wasser versorgt ist, aber nie verdurstet, hört früher auf zu wachsen und bildet kleinere Beeren mit mehr Konzentration. Wir finden, das schmeckt man im Wein als Tiefe und Länge.
Bei uns in Rust ist das besonders spannend. Im Norden liegt Leithakalk, ein heller Kalkstein aus einem warmen Flachmeer, das hier vor rund 16 bis 11 Millionen Jahren lag – mit Muscheln, Schnecken und Haizähnen darin. Im Süden liegt der quarzreiche Ruster Schotter, den alte Alpenflüsse abgelagert haben. Dazu kommen Gneis und Glimmerschiefer, als Kiesel im Schotter und im uralten Grundgebirge des Ruster Höhenzugs. Jeder dieser Untergründe speichert und leitet Wasser und Wärme anders. Darum schmeckt ein Furmint aus dem Quarz anders als ein Blaufränkisch aus dem Kalk.
Auch die Mikroben gehören dazu. Studien zeigen, dass ein Großteil der Bakterien auf Blättern und Trauben auch im Boden vorkommt – der Boden gilt als ihr wichtigstes Reservoir – und dass sich Weingärten in ihrer Mikrobengemeinschaft unterscheiden. Ob man das im Glas schmeckt, ist wissenschaftlich noch offen. Für uns ist es ein weiterer Grund, den Boden lebendig zu halten, gerade weil unsere Weine spontan vergären.
Was tun wir für unsere Böden?
Wir sind biologisch zertifiziert und verzichten auf Herbizide, leicht lösliche Mineraldünger und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Das ist die Grundlage. Entscheidend ist aber, wie man im Weingarten arbeitet.
Begrünung: Zwischen unseren Reben wachsen Gräser, Kräuter und Blumen. Sie schützen den Boden vor Erosion, füttern das Bodenleben und bieten Insekten und Vögeln Lebensraum. Im trockenen pannonischen Klima konkurriert die Begrünung aber mit den Reben um Wasser. Deshalb pflegen wir sie so, dass sie den Boden schützt, ohne den Reben das Wasser zu nehmen.
Wenig Maschinen, viel Handarbeit: Rebschnitt, Laubarbeit und Lese machen wir von Hand. Auf schwere Maschinen verzichten wir, so gut es geht.
Den Boden lockern: Wo nötig, lockern wir den Boden, damit Luft und Wasser eindringen können.
Dichtpflanzung und Stockkultur: Unseren Furmint pflanzen wir mit bis zu 8.000 Stöcken pro Hektar, jeden Stock von Hand gesetzt. Die Konkurrenz der Nachbarn kann die Wurzeln stärker in die Tiefe lenken, wo sie auch in trockenen Sommern eher noch Wasser finden. In der Stockkultur wird ohnehin fast alles von Hand gemacht.
Beobachten: Wir beobachten viel und greifen nur ein, wenn es nötig ist. Der Boden zeigt, ob es ihm gut geht: an seinem Geruch, seiner Struktur und am Leben, das in ihm steckt.
All das ist die Voraussetzung für unsere Arbeit im Keller. Wer dort nichts korrigieren will, braucht gesunde, ausgewogen reife Trauben. Und die wachsen nur auf gesunden Böden. Low Intervention beginnt im Weingarten, und der Weingarten beginnt im Boden.
Was hat gesunder Boden mit unserer Gesundheit zu tun?
Mehr, als man denkt. Laut FAO wächst rund 95 Prozent unserer Nahrung direkt oder indirekt auf Böden. Vieles, was im Boden steckt, gelangt über Pflanzen auf unseren Teller – Mineralstoffe ebenso wie Schadstoffe. Der Boden ist außerdem unser Wasserfilter: In Österreich kommt fast das gesamte Trinkwasser aus Grund- und Quellwasser, und bevor Regen zu Grundwasser wird, sickert er meist durch den Boden. Ein belebter, humusreicher Boden hält Nährstoffe und Schadstoffe zurück. Ein überdüngter Boden stößt dabei an seine Grenzen, ein versiegelter kann es gar nicht mehr. Und schließlich ist der Boden eine Apotheke: Mehr als zwei Drittel der medizinisch genutzten Antibiotika natürlichen Ursprungs stammen von Streptomyceten – Bodenbakterien, die mit ihrem Duftstoff Geosmin auch den typischen Geruch nach Regen prägen. Wer den Boden schützt, schützt also auch uns selbst.
Warum ist gesunder Boden im Klimawandel noch wichtiger?
Das Burgenland wird heißer, und im Sommer trocknen die Böden schneller aus. 2022 fiel in Eisenstadt rund ein Drittel weniger Regen als im langjährigen Mittel, es gab mehr als dreimal so viele Hitzetage, und der Neusiedler See erreichte den tiefsten Stand seit Beginn der Messungen 1965. Gleichzeitig werden kurze Starkregen heftiger.
Ein Boden muss also in kurzer Zeit viel Wasser aufnehmen und es für lange Trockenphasen halten können. Das schafft nur ein lockerer, belebter Boden mit guter Struktur. Ein verdichteter Boden lässt den Regen abfließen, genau dann, wenn die Reben ihn am dringendsten bräuchten. Gesunder Boden ist für uns deshalb nicht nur eine Frage der Haltung, sondern die beste Versicherung für die Zukunft unserer Weingärten.
Häufige Fragen zum Boden im Weinbau
Was ist ein gesunder Boden?
Ein Boden, der lebendig, locker und nicht mit Schadstoffen belastet ist. Er hat genug Poren für Luft und Wasser, ein vielfältiges Bodenleben und ausreichend Humus. So kann er Pflanzen ernähren, Wasser speichern und filtern.
Welche Böden gibt es in Rust?
Im Norden Leithakalk aus einem urzeitlichen Meer, im Süden quarzreicher Ruster Schotter, dazu Gneis, Glimmerschiefer, Lehm und Sand. Unser Furmint wächst zu einem großen Teil auf quarzreichem Schotter.
Schmeckt man den Boden im Wein?
Nicht direkt, Gestein kann man nicht schmecken. Aber der Boden prägt den Wein über Wasserversorgung, Wärme, Nährstoffe und Wurzeltiefe.
Warum ist Begrünung im Weingarten wichtig?
Sie schützt vor Erosion, fördert Regenwürmer und Bodenleben, baut Humus auf und bringt Artenvielfalt. In trockenen Lagen muss man sie so pflegen, dass sie den Reben nicht zu viel Wasser nimmt.
Warum schaden schwere Maschinen dem Boden?
Sie pressen die Poren zusammen, besonders auf feuchtem Boden. Wasser versickert schlechter, Wurzeln und Bodenleben leiden. Verdichtung in tieferen Schichten bleibt oft über Jahrzehnte.
Ist Bio automatisch gut für den Boden?
Bio verzichtet auf Herbizide, leicht lösliche Mineraldünger und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel, und das Bodenleben profitiert nachweislich davon. Entscheidend sind aber die einzelnen Maßnahmen: Begrünung, wenig Bodenbearbeitung, wenig Überfahrten und ein sparsamer Umgang mit Kupfer.
Was hat Boden mit unserer Gesundheit zu tun?
Fast unsere gesamte Nahrung wächst auf Böden, und in Österreich stammt praktisch unser ganzes Trinkwasser aus Grund- und Quellwasser, das meist zuvor den Boden passiert. Dazu stammen die meisten medizinisch genutzten Antibiotika natürlichen Ursprungs von Bodenbakterien.
Warum riecht Erde nach Regen so gut?
Vor allem wegen Geosmin, einem Duftstoff von Bodenbakterien. Regentropfen schleudern ihn beim Aufprall in die Luft. Wir Menschen riechen ihn schon in kleinsten Spuren.
